Ein Bibliophiler auf Reisen

Leben, Lesen, Tee trinken

Plautilla Augusta oder eine gefährliche Ehe

Heute schreibe ich mal ausnahmsweise nicht über Bücher, sondern über eine Münze, über eine kleine, gerade mal knapp 18 mm Durchmesser erreichenden silbernen Denar aus Rom.

„In einer Münze sieht man nur das, was man weiß“, ist ein bekannter Spruch vieler Numismatiker. Denn erst dann, wenn man sie versteht, erzählen Münzen ihre Geschichte. Häufig sehr spannende, wenn nicht sogar bewegende Geschichte.

Dieser kleine, silberne Denar wurde irgendwann um 202 nach Christus im Rom geprägt, ist damit daher fast zwei tausend Jahre alt. Alleine die Vorstellung, was diese Münze in dieser unglaublich langen Zeitspanne erlebt hatte, dürfte für Gänsehaut sorgen. Als sie geprägt wurde, gab es die meisten unserer Städte noch gar nicht, wilde Barbarenhorden zogen durch die dunklen Wälder Mitteldeutschlands, Amerika war noch gar nicht entdeckt und viele Menschen hielten die Welt für eine Scheibe.

Abgebildet auf der Vorderseite ist eine junge Dame um typisch römischen Profil. Sie ist offenbar noch sehr jung, hübsch, zierlich und schlank. Ihre grazile Silhouette lässt sich an dem wunderschönen Nacken erahnen, kaum bedeckt durch eine kunstvolle Frisur. PLAVTILLA AVGVSTA steht um Kreis um sie, Plautilla Augusta in unserer Schreibweise.

Taromsky, Head of Fulvia Plautilla. Face, CC BY-SA 4.0

Eigentlich hieß sie Publia Fulvia Plautilla. Wann sie geboren wurde, ist uns leider nicht bekannt, ebenso wenig wie viele andere Details aus dem Leben der schönen Dame. Aber so war es damals, im kaiserlichen Rom: eine Frau zählte nicht viel und um Geburtsdaten scherte man sich damals wenig. Nicht einmal von einigen der Kaiser kennen wir ihr Geburtsjahr, weshalb die Wissenschaft meistens nur die Herrschaftsjahre angibt (was angesichts der römischen Kurzlebigkeit der meisten Kaiser kompliziert genug ist).

Plautilla war nicht wirklich bedeutend, aber ihr Vater umso mehr. Gaius Fulvius Plautianus war sein Name und kaum einer im Rom kannte ihn nicht. Geboren, wie sein Kaiser Septimius Severus im sonnigen Leptis Magna im heutigen Libyen wurde er zum Favoriten und der rechten Hand des strengen und herausragenden Kaiser.

Er war reich, unermesslich reich. Und mächtig, mächtiger als alle anderen aus der Umgebung des Kaisers. Schon im Bürgerkrieg gegen Pescennius Niger erfreute er sich starken Vertrauens Severus, den er auf seinen Feldzügen begleitete, gelegentlich sogar mit dem Abzeichen eines Konsuls ausgestattet, obwohl er eigentlich nicht einmal ein Senator war. Als Severus Kaiser wurde, stieg Plautianus immer höher in der Hierarchie, wurde Senator und Konsul, während sein Vermögen mehr und mehr wuchs. Viele seiner Statuen zierten römische Foren, er war gefürchtet und bewundert. Aber auch gehasst, vor allem durch seine Konkurrentin um die Gunst Severus, der Kaiserin Julia Domna, die aber seiner Schlauheit, seiner Gerissenheit und seiner Dreistigkeit nicht gewachsen war.

Während die Palastintrigen Mord und Angst verbreiteten, wuchs Publia Fulvia Plautilla im wohlhabenden Haus. Umgeben von Euchen wurde sie in Musik und anderen schönen Künsten ausgebildet und genoss vermutlich ihr ruhiges Leben.

Doch eines Tages wurde sie erwachsen. Erwachsen genug, um zu heiraten, denn ihr genaues Alter wissen wir nicht. Im damaligen Rom spielte Alter nicht wirklich eine Rolle, wenn es um dynastische Erwägungen ging, und genau diesen fiel Plautilla zu Opfer: ihr Vater, der mächtige Plautianus beschloss, sie mit einem Sohn des Kaisers Severus, dem später berüchtigten Caracalla zu verheiraten.

Ob Caracalla wirklich ein solch bösartiges Monster war, wie von späteren Historikern behauptet, ist nicht wirklich sicher. Es gibt Indizien dafür, aber auch etliche dagegen. Doch dass er seinen Bruder Geta in den beschützenden Armen seiner Mutter töte, spricht sicherlich dafür.

Mit einem solchen Menschen sollte Plautilla nun die Ehe eingehen. Wie schlimm musste ihr Schicksal sein können wir uns denken, wenn wir wissen, Caracalla und Plautianus sich aufs tiefste hassten. Der junge Mitkaiser befürchtete in Plautianus einen Konkurrenten um die Herrschaftskrone und drohte seiner Frau, sie, seine Ehefrau und ihren Vater unverzüglich zu töten, sobald er an die Macht kommt!

 

Die zweite Seite der Münze zeigt zwei Menschen im innigen, freudigen Händedruck, umgeben vom „CONCORDIA FELIX“, Glückliche Eintracht.

Es muss wie ein Hohn klingeln, diese „Glückliche Eintracht“, Concordia Felix, denn die beiden Menschen sind nichts anderes als Caracalla, der grausame Mitkaiser, und seine Ehefrau, Plautilla, nun Augusta. Der eine voller Haß, die andere angsterfüllt, wohl wissend, dass sie von der Hand seines Ehemannes sterben wird. Nur wann, das war die Frage.

Nicht lange stellte sich diese. 205 gelang es Caracalla, mit Hilfe einer Intrige Plautianus zu stürzen und in Anwesenheit des Kaisers Septimius Severus zu töten. Gerade mal drei Jahre wähnte die Ehe. Man kann sich kaum vorstellen, welchen Schrecken und welche Angst diese zierliche Person auf der Vorderseite dieser kleinen Münze erdulden musste während dieser dunklen Zeit.

Caracalla zögerte nicht lange. Noch herrschte Septimius, der immer älter und gebrechlicher werdende Kaiser. Erst einmal reichte es nur zu einer Verbannung. Die junga Plautilla musste mit ihrem Bruder Gaius Fulvius Plautius Hortensianus auf die Insel Lipara ziehen, wohl wissend, dass sie nur eine Galgenfrist bekommen hatte, bis der alte Kaiser das zeitliche gesegnet hatte.

MM, PlautillaProvIgnota-MNRPalMassimo1, CC BY-SA 4.0

Am 4. Februar 2011 war es dann soweit, der alte Kaiser schloss seine Augen für immer, in schmerzender Erkenntnis des unbändigen Hasses zwischen seinen beiden Kindern Caracalla und Geta. Nur kurze Zeit später erschienen die Henker auf Lipara und erwürgten die junge Kaiserin.
Wie furchtbar Caracalla seine Frau hasste, beweist das Verhängen des „Damnatio memoriae“ über die Kaiserin: Auslöschung jeder Erinnerung an sie, Zerschlagung von Skultpuren, Bildern und Münzen. Nichts, absolut nichts mehr sollte an seine einstige Frau erinnern, jeder Hinweis soll aus den Annalen der Geschichte getilgt werden.

Zum Glück überlebten doch einige wenige Figurenteile und Münzen, so dass die Geschichte uns bekannt ist. Aber leider nur im sehr geringen Umfang: möglicherweise bekam Plautilla um 204 eine Tochter, wie einzelne Münzen zu deuten scheinen (was wurde dann aus ihr?) möglicherweise war Plautilla gar keine liebe und nette Dame, sondern eine schamlose und verschwendungssüchtige verzogene Göre, wie Cassius Dio behauptet. Das wissen wir nicht.

Aber wenn man diese Münze in der Hand hält, wird ein Stück Geschichte lebendig, eine Geschichte vom Hass, Mord und brutaler Grausamkeit. Alles in diesem kleinen Stückchen Silber.