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Die Geschichte hinter einem Exlibris: Stanislaw Cywinski

Stanislaw Cywinski DML

Dass Exlibris auch eine Geschichte erzählen können, eine spannende Geschichte noch dazu, bestätigte sich wieder einmal, als ich in einem Antiquariat eine wunderschöne Gesamtausgabe des polnischen Autor Stanislaw Wyspianski gefunden habe.

Jeder einzelne der dicken Wälzer war mit einem schönen Exlibris eines Stanislaw Cywinski versehen. Der Name kam mir sogleich bekannt vor, ich war sicher, vor kurzem über ihn gelesen haben zu haben, doch erst weitere Recherche ergab, welche faszinierende Geschichte sich mit diesem Bücherzeichen verbindet.

Stanislaw Cywinski, der einstige Besitzer dieser Wyspianski-Ausgabe, wurde am 29. August 1887 in Mohylewie geboren, einer Stadt in Weißrussland, an dem Fluss Dnjepr.
Bereits als junger Mann arbeitete er bereits als Lehrer für Polnisch und beschäftigte sich sehr intensiv mit Literatur, auch unter der deutschen Besatzung der Stadt Vilnius, in der er damals gelebt hatte. Nach 1918 wurde er zum Professor der Philosophie an der Universität Stefan Batory berufen, ein Beweis, wie einfach es einst sogar fachfremden Menschen war, höhere akademische Weihen zu bekommen.

Stanislaw Cywinski DML

Faszinierend, diese Anmerkungen zu sehen

In polnischen Literaturkreisen galt sein mit Worten ausgefochtener Kampf mit Julian Tuwim als eine der besonderen Schlachten der noch jungen Republik.

Dem deutschen Leser sicherlich wenig bekannt, gilt Tuwim in Polen als einer der größten Schriftsteller der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Vor allem sein Gedicht „Stoi na stacji lokomotywa“ (Es steht eine Lokomotive am Bahnhof) wird von wahrscheinlich jedem Kind in der Schule gelernt, und zwar gern gelernt, so eindrucksvoll ist dieser Text aus einem Rhythmus, der an Schweiß, Dampf und Hitze einer anrückenden Maschine erinnert.

Eben diesem Schriftsteller unterstellte Cywinski, dass er den größten polnischen Nationaldichter, Adam Mickiewicz (polnischer Goethe sozusagen) nicht leiden kann. Tuwim ließ sich Zeit, bevor er mit einem zwar eindrucksvollen, aber auch sehr vulgärem Gedicht antwortete: „Gedicht, in welchem der Autor höflich, aber nachdrücklich seine vielen Mitmenschen auffordert, ihm den A*** zu l**cken“. Ein Beweis, dass auch Dichter Menschen sind!

So witzig diese Angelegenheit ist, so ernst wurde es kurze Zeit später. Cywinski kritisiert in einem weiteren Artikel den Schriftsteller Melchior Wankowicz, eine Berühmtheit der damaligen Zeit, dazu noch auf eine Art und Weise, dass der Kopf des polnischen Staates, Marschall Pilsudski, mit beleidigt wird.

Was nun passiert, ist ein Musterbeispiel, was Diktaturen mit Menschen machen können. Der General Dab-Biernacki, damals Militärinspektor in Vilnius, liest den Text und fordert seine Offiziere auf, Cywinski zu verhaften und die Zeitung, für welche er gearbeitet hatte, zu schließen. Auf seine Anweisung begibt sich eine Gruppe von Offizieren in Uniformen und mit Waffen zum Cywinski und verprügelt ihn schwer vor den Augen seiner Familie. Danach begeben sie sich zur Zeitung und demolieren ihre Räume zusammen mit den anwesenden Angestellten und einem zufällig vorbeigekommenen Studenten. Als kurze Zeit später Cywinski erscheint, um einen Artikel über die erlittene Misshandlung abzuliefern, wird er noch einmal geschlagen.
Die hinzugerufene Polizei verhaftet Cywinski und die beiden Redakteure der Zeitung! Nach einem kurzen Gerichtsverfahren wird Cywinski wegen Majestätsbeleidigung zu 3 Jahren Gefängnis, der Höchststrafe verdonnert.

Stanislaw Cywinski DML

Notizen von Hand Cywinskis

Zwar wird die Strafe durch den Obersten Gerichtshof um die Hälfte verkürzt und Cywinski nach insgesamt fünf Monaten freigesetzt, aber die Offiziere, welche sich der Gewalttätigkeit erlaubt haben, sind niemals zur Verantwortung gezogen worden. Der Generalinspektor der Armee, Smigly-Rydz, verbot ausdrücklich jede weitere Ermittlung in dieser Sache.

Einem an moderne Gerichtsbarkeit und Anwälte gewohntem Bürger fällt es schwer zu glauben, welche Zustände in der damaligen Zeit, nicht nur in Polen, sondern überall, geherrscht haben. Aber es sind nur noch wenige Monate bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Die Stimmung in ganz Europa ist sehr rau geworden, viel Platz für Rechtsstaat und Menschlichkeit bleibt nicht mehr.

Veranlasst durch die Geschichte, stimmte das polnische Parlament eiligst über ein neues Gesetz über den Schutz des Namens des Marschalls Pilsudski, welche einstimmig vom Senat angenommen wurde und bereits am 7. April 1938 vom Präsidenten Moscicki unterschrieben wurde. Trotz aller Bemühungen des Militärs konnte Cywinski jedoch nicht mehr auf Basis dieses Gesetzes verurteilt werden.

Leider endet hier die traurige Geschichte Cywinskis nicht. Als nach Ausbruch des neuen Weltkrieges Vilnius durch die Rote Armee besetzt wurde, verhaftete diese im Oktober 1939 insgesamt 350 Vertreter der polnischen Intelligenz der Stadt und deportierte sie in die Lager in der Region Kirow, wo Cywinski am 30. März 1941 starb.

Auf welchen Wegen die Gesamtausgabe von Wyspianski aus seiner einstigen Sammlung in diesem Antiquariat, das konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Aber wieder einmal bestätigt sich in diesem Falle die Tatsache, dass diese kleinen Bildchen wirkliche Geschichten erzählen können. Das Buch, welches gerade neben mir am Schreibtisch liegt, hielt vor fast 100 Jahren ein Mensch in den Händen, dessen Kämpfe mit Tuwim zu Legende wurden, der wegen Majestätsbeleidigung misshandelt wurde und am Ende in sowjetischer Gefangenschaft starb.
Ein wirklich faszinierendes Exlibris.

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