EXLIBRICUM

Über Bücher, Bibliophile, Exlibris und Tee

Das Museum. Eine Anleitung zum Genuss der Werke Bildender Kunst

Ein Bibliophile liebt Bücher. Nicht nur zum Lesen (wenn auch natürlich vor allem), sondern auch aus haptischen und optischen Gründen. Er liebt es, einen großen, schweren, wunderschön gestalteten Schinken in der Hand zu halten, liebevoll zu wiegen, den Umschlag zu bewundern und dann, langsam und genüßlich, Seite für Seite durchzublättern.

Ganz besonders groß ist die Freude, wenn es sich um ein altes Buch handelt. Noch richtig auf einer Presse gedruckt, mit schöner Schrift gestaltet, schwer gebunden und voller ausgezeichneter, schwarz-weißer Bilder. Ja, meine Lieben, es gab auch Zeiten, wo Fotos und Bilder in Büchern nur Schwarz-weiß waren!

Umso größer war daher meine Freude, als ich im Nachlass eines verstorbenen entfernten Familienmitgliedes dieses Buch gefunden hatte, welche sich Euch hier vorstellen möchte.

Es ist schwer und groß. Es ist verdammt schwer und groß! Gewogen habe ich es zwar nicht, und ja, es läßt sich in einer Hand tragen, aber im Fitnesstudio habe ich Hanteln in der Hand gehabt, die leichter waren. Mit diesem Buch kann man jemanden erschlagen!

Der Titel ist ein wahres Vergnügen, dessen Klang man sich richtig auf der Zunge zergehen lassen sollte: “Das Museum. Eine Anleitung zum Genuss der Werke Bildender Kunst.”. Welch ein Titel! Welch eine Formulierung! “Zum Genuss der Werke Bildender Kunst!”. Moderne Bücher heißen “Kunst für Dummies” oder “100 beste Werke der Kunst”. Wie langweilig und öde, wie primitiv und einfach, verglichen mit der schönen Formulierung Wilhelms Spemann, des Autors dieses gewaltigen Ziegelsteins.

Wer war denn eigentlich dieser Spemann?

Von unbekannt – Zeitung Die Woche 1911, S. 1170, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=8336216

Wilhelm Spemann war ein deutscher Verleger, geboren 1844 und gestorben 1910 in Stuttgart. Trotz schwacher Gesundheit und vielen Problemen zeichnete er verantwortlich für eine Reihe schöner und kunstvoll gestalteter Werke. Kein Wunder, dass er in der Lage und willens war, ein solch schönes Buch zu verlegen!

Man beachte die Gestaltung des Inhaltsverzeichnisses:

Schöne Ornamente im Jugenstill schmücken das schön gestaltete Blatt, welches in den heutigen Büchern häufig einer langweiligen, höchstens bunten Aufzählung ähnelt. Putten als Schmetterlinge oben krönen die edel aufgesetzte Tafel, während unten zwei Fabelwesen eine stilisierte Muschel bewachen. Einfach nur wunderschön!

Der Inhalt? Zuerst ein paar schöne Artikel zur Kunst und ihrem Verständnis, gefolgt von einer soliden Portion schöner Aufnahmen davon:

Man beachte übrigens die roten bemalten Seitenkanten, welche sich wunderbar, einem Rahmen gleich, um das geöffnete Buch schmiegen!

Die Qualität der Reproduktion ist beeindruckend, auch wenn der Zahn der Zeit die eine oder andere Spur in diesem weit über 100 Jahre altem Buch hinterlassen hat:

Schön, schön, schön, möchte man einfach nur rufen:

Leider ging die Zeit nicht spurlos vorbei an diesem Werk. Aber geben nicht genau diese Spuren dem Buch seine Geschichte und Persönlichkeit? Die beschädigte Bindung werde ich nicht mehr reparieren lassen, es soll genauso in meinem Prunkregal stehen:

Wobei es demnächst wahrscheinlich doch dorthin umzieht, wo auch die anderen altehrwürdigen Bücher stehen. Irgendwie passt das schöne alte Einband doch nicht so ganz zu den modernen…

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